Gedankenkarussell

Der Moment des Sommers

40,9 Grad Celsius, an einem Samstag, Ende Juni. Das war der bisherige Spitzenwert, der in Stendal und Umgebung je gemessen worden war. Es war ein lähmender Tag, mit nur wenigen Menschen auf den Straßen. Ein Tag, an dem der Wind neben der Hitze auch jede Menge Saharastaub in die Stadt blies. Sandiger Staub, der primär auf den Scheiben der parkenden Autos und der eigenen Wohnungsfenster nicht zu übersehen war.

Viele Einwohner waren gerade im Urlaub. Schließlich dauerte die Ferienzeit in diesem Jahr bis Mitte August. Nicht wenige waren in Länder geflogen, in denen noch höhere Temperaturen herrschten, als es bei ihnen zu Hause der Fall war. Daran hatte sich offenbar auch nichts in Zeiten des Klimawandels geändert.

Und so suchte man im Sommer 2026 nicht nur nach einem kühlen, schattigen Plätzchen, sondern auch nach Ventilatoren und Klimaanlagen. Angebot und Nachfrage steigerten jedoch schnell die Preise, sodass man gut damit bedient war, wenn man bereits eines von beiden daheim hatte.

Doch was machte man an so einem heißen Tag, an dem man kaum Luft zum Atmen bekam, wenn man zu den „Zuhausegebliebenen“ gehörte? Wenn auch die Neubauwohnung, in der man lebte, bis auf 30 Grad Celsius aufgeheizt war und die Flüsse im ganzen Land nur noch ein Minimum an Wasser führten?

Ich zumindest ging in die Stadt, um ein Eis zu essen. Das sollte mir Abkühlung verschaffen. Als ich schwitzend den Stendaler Marktplatz erreichte, stand der dortige Roland wie immer kerzengerade mit seinem Schwert und seinem Wappen in der Hand vor der Gerichtslaube des Rathauses. Eine aus Sandstein gefertigten Statue konnten nicht einmal 40,9 Grad Celsius zum Schwitzen bringen. Manches änderte sich in einer Stadt über die Jahre eben nie. Dennoch gab es auch vieles, das sich verändert hatte.

So erinnerte ich mich als Kind der 80er Jahre an einen Sommer in meiner heutigen Heimatstadt Stendal und an den damit verbundenen Besuch des einstigen Eiscafés Babett. Dort, wo sich aktuell die Sparkassenfiliale am Stadtsee befindet, gab es früher Softeis und Soljanka, als Belohnung für einen Ausflug am Wochenende. Rauchen während des Gaststättenbetriebes war damals noch erlaubt, und störte vermutlich nur die Nichtraucher unter den Gästen. Ich erinnere mich aber auch an eine graue und triste Stadt, in der man viele Fahrzeuge der damaligen russischen Streitkräfte sah. Unvergesslich ist auch der beißende und stinkende Geruch des sogenannten „Russensprits“, der wohl aufgrund des hohen Schwefelgehalts so roch, wie er roch. Zudem gab es auch das sogenannte „Russenmagazin“. Dort tippten die Verkäuferinnen die Summe der dort gekauften Waren nicht wie üblich in eine Kasse, sondern rechneten diese stattdessen mit einem alten traditionellen russischen Holz-Abakus zusammen. Auch das heutige Modekaufhaus Ramelow, mit seiner knarzenden Treppe, welches damals noch ein HO-Kaufhaus war, gab es schon. Außer Bekleidung konnte man dort auch Hausrat und Kunstgewerbe kaufen. Wollte man jedoch den für die DDR-Bürger typischen „Westgeruch“ schnuppern, musste man den Intershop am Bahnhof besuchen. Ware gab es dort allerdings nur gegen Westgeld, welches man zuvor in Forum- Wertchecks umtauschen musste. In der Röxer Straße gab es in meiner Kindheit noch viele schwarze Häuser, an denen sogar die Flammen des vergangenen Weltkrieges sichtbar waren. Diese stammten von einem schweren Bombenangriff der amerikanischen Luftwaffe des Jahres 1945. Es gab viele neue Plattenbauten und ein Tiergartenhochhaus mit elf Stockwerken.

Und dann, im Jahre 1989, ich hatte gerade meinen ersten Personalausweis erhalten, folgte die Wende. Wenige Tage nach dem Fall der Mauer, an einem nebligen Novembertag, reiste auch ich, wie so viele andere DDR-Bürger, zum ersten Mal mit der Familie in den Westen. Auf dem Berliner Ku’damm, in einem flimmernden Plattenladen, kaufte ich mir vom Begrüßungsgeld, das damals glatte 100 DM betrug, meine erste CD. Überall war die Freude und der Wunsch nach Veränderung zu spüren. Auch wir Schüler bekamen nun einen anderen Lehrplan und neue Schulbücher, die dem Westen angepasst waren. Nach der Wiedervereinigung nutzten die Menschen ihre neu gewonnene Reisefreiheit. Und Städte und Dörfer erhielten fortan einen neuen Glanz. Die neue Ära hatte allerdings auch Schattenseiten, die für die Schließung von Betrieben und eine bis dato unbekannte Beschäftigungslosigkeit sorgten.

Meine Erinnerungen daran fanden ihr jähes Ende, als ich mein Ziel in der Breiten Straße erreichte. Plötzlich war ich nicht nur in der Gegenwart eines hitzigen Sommertages zurückgekehrt, sondern bestellte endlich auch das von mir ersehnte Eis.

Entspannten Blickes sah ich den vorüberziehenden Menschen nach und genoss somit den bislang heißesten Tag des Jahres seit der Wetteraufzeichnung. Zudem war ich mir sicher, dass mir auch dieser Tag in ewiger Erinnerung bleiben würde.

Sina Kongehl-Breddin

a man riding a skateboard down the side of a ramp
a man riding a skateboard down the side of a ramp

Sina Kongehl-Breddin

s.kongehl@googlemail.com